(English version below)
“Zu Anfang erscheint die Kunst des Puzzles als eine Schmalspurkunst,
eine Kleinkunst, gänzlich in einer dürftigen Lehre der Gestalttheorie
enthalten: die ins Auge gefaßte Sache – ob es sich um einen Akt der
Wahrnehmung, einen ersten Versuch, ein physiologisches System oder in
dem uns interessierenden Fall um ein Holzpuzzle handelt, ist keine Summe
von Elementen, die man zuerst einmal aussondern und analysieren müßte,
sondern eine Gesamtheit, das heißt eine Form, eine Struktur: das Element
existiert nicht vor dem Ganzen, es ist weder gleichzeitiger noch älter,
es sind nicht die Elemente, die das Ganze bestimmen, sondern das Ganze
bestimmt die Elemente: die Kenntnis des Ganzen und seiner Gesetze, der
Gesamtheit und ihrer Struktur könnte nicht aus der gesonderten Kenntnis
der sie zusammensetzenden Teile abgeleitet werden: das heißt, daß man
den Baustein eines Puzzles drei Tage lang ansehen und glauben kann,
alles über seine Konfiguration und seine Farbe zu wissen, ohne auch nur
im entferntesten weitergekommen zu sein: was zählt, ist allein die Möglichkeit, diesen Baustein mit anderen
Bausteinen zu verbinden, und in dieser Hinsicht besteht eine gewisse
Gemeinsamkeit zwischen der Kunst des Puzzles und der Kunst des Go; nur
die zusammengefügten Teile erlangen die Eigenschaft der Lesbarkeit,
bekommen einen Sinn: einzeln betrachtet hat der Baustein eines Puzzles
keine Bedeutung; er ist nur eine unmögliche Frage, eine undurchsichtige
Herausforderung; doch kaum ist es einem gelungen, ihn nach einigen
Minuten der Versuche und der Irrtümer oder in einer ungewöhnlich
inspirierten Halbminute mit einem seiner Nachbarn zu verbinden,
verschwindet der Baustein, hört auf, als Baustein oder Einzelteil zu
existieren: die gewaltige Schwierigkeit, die diesem Zusammenrücken
vorausgegangen ist und die das Wort Puzzle – Rätsel – auf Englisch so
treffend kennzeichnet, hat nicht nur keine Daseinsberichtigung mehr,
sondern scheint nie eine gehabt zu haben, so sehr ist sie
Selbstverständlichkeit geworden, die nun ebenfalls Ursache für Irrtum,
Zögern, Verwirrung und Hoffen ist."
(Aus der Einleitung von Georges Perecs Das Leben. Gebrauchsanweisung)
"To begin with, the art of jigsaw puzzles seems of little substance,
easily exhausted, wholly dealt with by a basic introduction to Gestalt:
the perceived object — we may be dealing with a perceptual act, the
acquisition of a skill, a physiological system, or, as in the present
case, a wooden jigsaw puzzle — is not a sum of elements to be
distinguished from each other and analysed discretely, but a pattern,
that is to say a form, a structure: the element’s existence does not
precede the existence of the whole, it comes neither before nor after
it, for the parts do not determine the pattern, but the pattern
determines the parts: knowledge of the pattern and of its laws, of the
set and its structure, could not possibly be derived from discrete
knowledge of the elements that compose it. That means that you can look
at a piece of a puzzle for three whole days, you can believe that you
know all there is to know about its colouring and shape, and be no
further on than when you started. The only thing that counts is the
ability to link this piece to other pieces, and in that sense the art of
the jigsaw puzzle has something in common with the art of go. The
pieces are readable, take on a sense, only when assembled; in isolation,
a puzzle piece means nothing — just an impossible question, an opaque
challenge. But as soon as you have succeeded, after minutes of trial and
error, or after a prodigious half-second flash of inspiration, in
fitting it into one of its neighbours, the piece disappears, ceases to
exist as a piece. The intense difficulty preceding this link-up — which
the English word
puzzle indicates so well — not only loses its
raison d’être,
it seems never to have had any reason, so obvious does the solution
appear. The two pieces so miraculously conjoined are henceforth one,
which in its turn will be a source of error, hesitation, dismay, and
expectation."
(From the Introduction to George Perec's Life: A User's Manual)